Nadine Beck über das Kulturgut Vibrator


Gelesen, gelehrt & gemeckert, Interviews & Beratung / Dienstag, 12. Januar, 2021

„Möge die Macht mit ihm sein!“

Gemeint ist der Lustschnäbler, schwarze Bohrer, Imperator, strammer Max, Juckfinger… Die Frau, die IHM die Macht wünscht, kennt nicht nur unendlich viele Namen aus ihrer zehnjährigen Recherche für den, erraten?, na klar, Vibrator. Sie weiß, dass Vibratoren nie gegen Hysterie geholfen haben, dafür aber zu Beginn der sexuellen Aufklärung gern auch als Multifunktionsgeräte verkauft wurden, mit denen man nach der sexuellen Verlustierung Motorhauben oder ähnliches polieren konnte. Und heutzutage mit Hightech-Sensorik Eure Kontraktionen, Temperatur und Lagerung bei der Benutzung aufzeichnen können.

Warum weiß sie das? Weil sie ihre Doktorarbeit darüber geschrieben hat. Nadine Beck nimmt uns mit auf eine Zeitreise durch die Welt der brummenden Spielgefährten vom Muschibär über Wilder Reiter bis hin zum Womanizer. Doch nicht nur das: Sie erklärt uns, warum in Sachen Aufklärung speziell der weiblichen Anatomie immer noch gehörig Luft nach oben ist. Und wie wir überhaupt über diesen ganzen „Schweinkram“ sprechen sollten: Nämlich un-(!)verschämt und unverkrampft.

Wenn die gebürtige Marburgerin nicht über Sexspielzeuge promoviert, schreibt sie unter anderem Bücher, wie Plug + Play: 150 Jahre Vibrator – Ein Jubelband, der jüngst erschien.
Studiert hat sie Kulturwissenschaften, Sinologie, Italienisch und Kunstgeschichte in Jena, Weimar, Marburg, Essex und Chengdu. Sie lebt mit Mann und Bibi & Eddie, ihren zwei Katzen, in Hamburg-Altona.

Liebe Frau Beck,… zunächst einmal:
Müssen wir schon „Liebe Frau Doktor Beck“ sagen?

Nadine Beck: Das dauert leider noch ein bisschen. Ich gebe in ein paar Wochen die Doktorarbeit ab und dann kommen noch Verteidigung und Veröffentlichung, das wird sich sicherlich noch ein paar Monate hinziehen. Wenn alles gut läuft, ist im Mai alles vorbei und ich kann mich endlich mehr auf die wirklich wichtigen Dinge im Leben konzentrieren. Menschen treffen, ausgiebig feiern, essen, trinken und schlafen zum Beispiel. Der Champagner steht schon bereit!

Uns schwant, dass Sie diese Frage mindestens vierhunderttausendsechshundertneunundneunzig Mal beantwortet haben, wir müssen trotzdem dooferweise die …700 vollmachen:
Was war Ihre Initialzündung, Vibratoren zum Thema Ihrer Dissertation zu machen?

Nadine Beck: Ich würde ja gerne sagen: Ich suche gerne abseitige Themen und liebe es, Tabus zu brechen! Das wäre aber nur die halbe Wahrheit. Eigentlich wollte ich etwas zu Sexarbeiter:innen im Altersheim machen. Das hätte übrigens auch was mit Vibratoren zu tun gehabt. ☺
Aber dann kam mir etwa 2011 aus beruflichen Gründen das Beate Uhse Unternehmensarchiv unter die Finger und in den alten Katalogen sah ich diese grotesk lustigen Produktnamen für die Vibratoren! Da lag ich erstmal vor Lachen fast unterm Tisch.
„Wilder Reiter“, „Muschibär“, „Herkules“ oder „Doppelbock“ – und die Bilder dazu erst! Diese ganze Sexual- und Schamkultur und Ästhetik, die dahintersteckte, fand ich zum einen wahnsinnig interessant. Und zum anderen: Wenn ich für meinen Job nach Unternehmens- oder Produktjubiläen suche, mache ich auch immer einen Quellencheck. Dabei fiel mir auf: Zum Vibrator gibt es herzlich wenig. Kaum Literatur, nichts Filmisches und schon gar nicht aus oder für Deutschland. Das wollte ich ändern! Leider ging das nur neben meinem Broterwerb, deswegen hat das alles so lange gedauert. Zehn Jahre später ist dann jetzt auch endlich soweit, aber dafür ist das Timing umso besser, da die Gesellschaft bei uns jetzt reif dafür ist.

Und was waren da Ihre Highlights während Ihrer Recherchen – bzw. umgekehrt:
Worauf hätten Sie auch gut verzichten können?

Nadine Beck: Also, zu allererst: Seit 2011 hat sich irrsinnig viel geändert!! Wo damals gefühlt noch nichts los war, was mediale Beschäftigung mit vermeintlichen Tabuthemen wie weibliche Orgasmen oder der genauen Anatomie der Vulva anging, kann man sich heute fast schon nicht mehr retten.

Trotzdem: Es gab zu 99,9% eine sowas von positive Resonanz auf mein Forschungsvorhaben, das maximal Negative war ein verdruckstes Kichern, aber eigentlich fanden es alle irgendwie schon toll oder lustig. Das war ermutigend und eine Bestätigung dessen, was ich denke:
Der Vibrator ist so ein tolles Gerät, was fast nur Gutes bewirkt (außer es landet in den falschen Kanälen und muss operativ entfernt werden, aber das ist eine andere Geschichte…), er hat es verdient, dass man sich mal genauer um ihn kümmert. Das eine 0,1 %, auf das ich echt verzichten konnte, waren einige sehr wenige Männer, die sich auf meine Aufrufe zu Zeitzeug:innen gemeldet hatten. Der eine wollte ganz Mansplaining-mäßig mir erklären, wie ich meine Arbeit zu schreiben habe und dass ich LGBTIQA*-Personen nicht integrieren solle in die Auswertung (WTF?).
Der andere meinte, er sei ja selber Künstler, der Sexspielzug toll fände, und ich würde die Vibratoren ja doch auch bestimmt privat ausprobieren, da könnte man sich doch mal über Erfahrungen etc. austauschen… Bäh! Da wäre mir fast das Frühstück wieder retour gekommen.

Oha. Die Ostdeutschen waren Ihren Fragen gegenüber viel auskunftsfreudiger. Verlustieren sich die schon länger mit Vibratoren und Co. als die Westdeutschen und sind deshalb offener?

Nadine Beck: Das wäre ein Wunder, denn Vibratoren und Sexspielzeug gab es damals in der DDR offiziell nicht zu kaufen. Was nicht heißt, dass man sich nicht selber phantasievoll das Sexualleben bereichern konnte, dazu brauchte man vor allem keine Vorbilder aus dem „dekadenten“ Westen. Das gute alte DDR-Massagegerät „Massinet“ oder der „Komet MA 1“ waren da gerngesehene Begleiter, aber auch batteriebetriebene Zahnbürsten oder elektrische Kaffeemühlen, eine kitzelnde Feder oder zugeschnitzte Kerzen als Dildo. Versuch macht klug!

Nadine Beck mit einer DDR-Kaffeemühle als Vibratorersatz:
Batteriebetriebene Zahnbürsten oder elektrische Kaffeemühlen, eine kitzelnde Feder oder zugeschnitzte Kerzen als Dildo. Versuch macht klug!

Meine Interviewpartner:innen bezeugten einfach einen viel entspannteren Umgang mit Sexualität, der sehr liebevoll, natürlich, freudvoll und damit auch gleichberechtigter war. Dass wir mit unserer verquasten Nachkriegs-Doppelmoral dank Kirche und konservativen Kräften sowas wie die sexuelle Revolution überhaupt nötig hatten, haben viele DDR-Befragte nicht verstanden. In der DDR gab es einige Standardwerke zur Sexualität wie Mann + Frau intim von Siegfried Schnabl, die ein Bild von einer Sexualität zeichneten, die die Frau nicht zum Objekt machten, sondern eine Sexualität auf Augenhöhe beschrieb.

Auch wenn viele der Waren aus dem Westen im Osten begehrt waren und es definitiv Vibratoren und Pornographisches in der DDR über illegale Wege hinter den „antifaschistischen Schutzwall“ geschafft hatten, gab es auch Menschen, die sie ausprobiert hatten und dann auch einfach doch nicht so toll fanden.

Ist das nicht seltsam angesichts dessen, dass Vibratoren in der ehemaligen DDR verboten waren…?

Nadine Beck: Der Klassiker ist ja auch hier, dass das gemeine Volk die Dinger nicht kaufen können sollte. Die Stasi und Staatsführung haben aber sich, wie immer mit dem eigentlich Verbotenen, ganz gut selbst damit versorgt. Auch um, ganz perfide, die Geräte für ihre Erpressungsmethoden oder Bespitzelungen einzusetzen. Wem so ein verbotenes „dekadentes“ Sexpielzeug ins Haus geschmuggelt wurde, was dann von der Polizei „entdeckt“ wurde, wie z.B. bei einem dem Staat unliebsamen Pfarrer geschehen, war dann von der Stasi erpressbar.

Auch haben Sie vergleichsweise wenig Resonanzen von homosexuellen Menschen bekommen in Bezug auf deren Erfahrungen mit Vibratoren. Woran liegt das denn?

Nadine Beck: Ich habe es in jedem meiner Aufrufe nach Zeitzeug:innen explizit gesagt, dass mich ALLE Menschen jedweder sexuellen Identität und jeden Genders interessieren, aber es kam leider nichts. Bei einigen feministischen und queeren Magazinen hat man auf meine Anfrage auch einfach nicht geantwortet, was ich schade fand. Ich hätte vielleicht noch spezieller das Schwule Museum etc. anfragen müssen, das nehme ich als Manöverkritik mit in mein nächstes Projekt.

Aber wir haben natürlich mit dem Vibrator auch ein Wahrnehmungsproblem: Durch seine phallische Standardform ist er einfach als Toy für Frauen damals etabliert worden und von der Nummer kommen wir, wenn wir die Generation derjenigen fragen, die damals Ende der 1960er Jahre jung waren, so schnell nicht weg.
Dabei wurde er auch als Sexspielzeug für Männer angeboten, das hat man nur mittlerweile scheinbar vergessen.   

Alles über die Evolution des Vibrators können wir hervorragend und höchst unterhaltsam in Ihrem Buch nachlesen. Welchen Step in der Entwicklung des Vibrators, also zwischen Granville ́s Hammer und dem Womanizer, halten Sie für den bahnbrechendsten?

Nadine Beck: Die Verabschiedung von der phallischen Form, eindeutig! Nichts gegen Penisse, aber die Sache mit der Penetration ist meistens nicht abendfüllend, Stimulation bei Menschen mit einer Klitoris findet eher extern statt.
Wobei auch interne Stimulation die Klitoris tangiert. Aber der Schritt weg von der Fleischpeitsche hin zum bunten, fröhlichen Pinguin oder vor allem zum Auflegevibrator oder anderen ergonomisch angepassten, schön designten Formen fand ich sehr erleichternd. Das Konzept der Druckwellenstimulation, das ja ursprünglich aus einer Aquariumpumpe entstanden ist, fand ich aber auch schon genial.

Es enthält vor allem einen wichtigen Schritt: Der Erfinder hat es mit seiner Frau zusammen entwickelt, die ihm direktes Feedback gegeben hat, ob es Murks ist oder nicht. Es kann Menschen wie damals beim Vibratorstab helfen, einen Orgasmus zu erlangen – etwas, was auch im Jahre 2021 immer noch nicht weltweit selbstverständlich ist. Das Problem von unaufgeklärten Frauen und Männern bleibt leider weiterhin vorhanden.

Mit den ersten Vibratoren wollten Männer die hysteriegeplagten Frauen heilen (oder ihre Launen zumindest auf ein (männer)erträgliches Maß bringen). Heute jaulen sie rum, dass Vibratoren ihnen die Stellung streitig machen. Was ist denn nun richtig?

Nadine Beck: Beides falsch!!! Das Märchen mit der Hysterie sollte man schnell vergessen, das ist wissenschaftlich seit einigen Jahren widerlegt. Es war zwar schön und lustig, aber die Realität war eine andere. Wobei es durchaus eine in medizinischen Kreisen besprochene versehentliche „onanistische Reizung“ gab. Granville selbst hat sich sogar explizit gegen die Nutzung seines Massagegeräts an Frauen ausgesprochen, es war zudem für Nervenleiden an Auge oder Knie etc. ersonnen.

Die ersten elektrotherapeutischen Vibratoren waren für medizinische Zwecke, aber schnell wurden sie auch mit dem Einzug der elektrischen Versorgung in die Haushalte für kosmetische Behandlungen am Schminktisch eingesetzt.

Als dann in den 1960er Jahren der Massagestab in phallischer Form als vibrierender Dildo aufkam wurde er, soweit ich das am Material und Interviews beurteilen kann, nicht als Konkurrenz wahrgenommen, sondern als Hilfe. Er wurde auch als solche implementiert, vor allem bei Beate Uhse. Wenn er mir als vermeintliche Konkurrenz begegnet ist, dann in schwächlichen Erotikblättchen als hilflosen Versuch, Seiten zu füllen.

„Nichts gegen Penisse, aber die Sache mit der Penetration ist meistens nicht abendfüllend, Stimulation bei Menschen mit einer Klitoris findet eher extern statt.“

Ich habe das auch in meinen Fragebogen abgefragt, die Antworten waren: 90% eindeutig nein, keine Konkurrenz. 10 % haben es nur dann als Konkurrenz empfunden, wenn ihre Partnerinnen das Gerät benutzt hatten, ohne dass sie dabei waren. Die haben es eher wohlwollend aufgenommen und ihre Partnerinnen damit selber stimuliert. Zudem: Ein Vibrator nimmt einen nicht in den Arm, schaut mir nicht verliebt in die Augen, spricht nicht und holt mir keine Schokolade und was zu trinken nach dem Sex.

Manche Kulturpessimisten wittern immer gleich den Untergang des Abendlandes, wenn Technik ins Privatleben dringt, anstatt den Vorteil zu sehen und sie intelligent zu integrieren, wo sie helfen. Wer als Mann von einem Vibrator allerdings tatsächlich ersetzt wird, sollte sich mal überlegen, ob da nicht was anderes fehlt oder ob er mal einen Kurs in weiblicher Anatomie belegen sollte… ☺

Heute darf der Vibrator ja schon im Nachmittags-Werbe-TV im Karton brummen – glauben Sie, dass er wirklich schon in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist und es völlig normal ist, darüber zu reden?

Nadine Beck: Jein. Das ist in Deutschland vor allem generationenabhängig. Viele sind noch mit Scham aufgewachsen, Sexualität ist Schweinkram, gehört nicht in den öffentlichen Diskurs und in die Sprache und ansonsten auch bitte nur ins Bett, es geht keinen was an. Moral, Religion, Elternhaus und soziales Umfeld, Stadt und Land, Ost und West, Migrationshintergrund, kulturelle Feinheiten – das spielt alles eine Rolle.

Schauen wir uns aber an, was junge Menschen (und nicht nur die) heute an Möglichkeiten haben, sich auf Instagram und Youtube niedrigschwellig zu informieren, macht mir das schon Hoffnung, dass da mehr Menschen mit einem offeneren Umgang mit dem ganzen Themenfeld heranwachsen. Vor allem: Es ist auf einmal hip, Feministin zu sein, über die Vulva und Periode zu sprechen und sexuell freier zu sein, auch was Gender und Geschlecht anbetrifft. #metoo und die Female Empowerment-Bewegung haben da genauso zu beigetragen wie das prominente Platzieren dieser Themen in den Medien durch Erotikfirmen und -plattformen im Vorabendprogramm oder Frauenzeitschriften. Das Grundrauschen hat sich definitiv erhöht. Aber da geht noch was!

Apropos reden: Warum ist denn wichtig, die Dinger nicht nur zu nutzen, sondern auch drüber zu reden? Wie sollte denn die optimale Kommunikation über Vibratoren und Sexspielzeuge ablaufen? Und WER sollte überhaupt mit WEM kommunizieren?

Nadine Beck: Kein Mensch kann was dafür, was ihn anmacht oder wie er sich fühlt. Auch nicht, worauf und wie der Körper reagiert oder nicht. Deswegen sollte man auch entspannt und vorurteilsfrei darüber reden können. Solange Konsens herrscht bei Menschen, wie sie Sex haben oder es sein lassen wollen, ist meiner Meinung nach sowieso alles gut.

Ich finde es immer dann schlimm, wenn wir aus Scham oder Schuld, aufoktroyierten Moralvorstellungen oder Erziehung noch nicht einmal mit unseren Kindern darüber reden können. Solosex ist gesund und nicht alles, was an Praktiken und Körpern im Porno zu sehen ist, entspricht auch der Realität, das sollten sie wissen. Es wäre toll, wenn man kleinen Mädchen die richtige Bezeichnung, Lage und Funktionen ihrer Vulva, Klitoris und Vagina beibringen würde – da lernen garantiert auch die Eltern etwas bei!! Das kann nicht schaden.

„Das ist ganz alte, gelernte Scham vor dem eigenen Geschlecht, obwohl man mit sich selber und seinem „Hobbykeller“ da unten ganz unverkrampft ist.“

Die optimale Konversation würde im übrigen auch Jungen und Kinder anderer Gender darüber aufklären. Wenn alle dann mal ohne Verklemmtsein, Druckserei, Zwang und Normvorstellungen vorurteilsfrei ein klares Bild davon bekommen, wie das alles funktioniert, wie unterschiedlich das aussehen kann und was da für lustige Gefühle, Flüssigkeiten und Gerüche entstehen dürfen, wäre schon einmal ein guter Anfang geschaffen. Dann kann man auch mit Kindern mal über Sexspielzeug reden. Grundsätzlich sollten aber alle, die Sex und Solosex haben, über Toys sprechen können, was sie mögen und was nicht. Auch gerne unter Freund:innen! Vielleicht lernt man auch da noch was dazu?

Wie gesagt, man kann ja nichts dafür, was einen kickt. Wo Vibratoren der einen nur am Harnröhreneingang oder einfach gar nicht gefallen, ist es vielleicht für den anderen eine tolle Prostatastimulation. Aber man sollte offen und ohne Schuldzuweisungen oder Abqualifizierungen darüber reden können und vielleicht offen sein, Dinge mal auszuprobieren. Alles kann, nichts muss!

Haben die Recherchen, Gespräche und die Arbeit an Buch, Doktorarbeit usw. auch in Ihnen selbst etwas verändert, sei es Ihre Einstellung zu Sexualität und den gesellschaftlichen Umgang damit im allgemeinen, und Sexspielzeug im speziellen?

Nadine Beck: Ja. Ich habe mittlerweile keine komischen cringe-igen Gefühle mehr, wenn ich Klitoris sage. Das war vorher anders, da stumpft man mit der Zeit schon ab! ☺ Ich bin Jahrgang 1976 und komme aus einer mittelgroßen Stadt in Hessen, ich wurde jetzt nicht gerade mit Aufklärung zugeschmissen. Das ist ganz alte, gelernte Scham vor dem eigenen Geschlecht, obwohl man mit sich selber und seinem „Hobbykeller“ da unten ganz unverkrampft ist.

Heute weiß ich um die wahre Größe der Klitoris und dass wir eigentlich Vulva meinen, wenn wir dieses Un-Wort „Scheide“ sagen, das gibt einem auch ein selbstbestärkendes Gefühl, das muss man schon sagen. Bei allem anderen war ich schon immer „unver-schämter“. Es hat auch niemanden, der mich kannte, wirklich gewundert, dass ich mir so ein vermeintlich abseitiges Tabu-Thema gesucht habe.

Vielleicht bin ich auch ein bisschen feministischer geworden mit der Zeit und bin wachsamer und wehrhafter, wenn man mir chauvinistisch, sexistisch und machohaft kommt. Aber ansonsten ganz die alte, nur noch lauter☺

„Ich habe mittlerweile
keine komischen cringe-igen Gefühle mehr, wenn ich Klitoris sage!“

Was ist für Sie die bedeutsamste Quintessenz Ihrer Forschungsarbeit?

Nadine Beck: Wieviel Potenzial noch im Vibrator steckt! Ich fand es schon spannend, seine Evolution in der Vergangenheit zu beobachten. Vom medizinischen über den kosmetischen bis hin zum sexuellen und vor allem sexualtherapeutischen Zweck hatte er bis heute mal mehr, mal weniger nachhaltigen Nutzen. Mich hatte zum Beispiel auch ganz grundlegend erstaunt, dass der Vibrator gleich von Anfang an auch für Männer angeboten wurde, es war also damals mitnichten das reine Frauen-Sexspielzeug, wie es heute wahrgenommen wird. Er brachte meistens Wohltat oder Entspannung, auf jeden Fall aber Durchblutung und manchmal sogar Lust.☺

Heute setzt man ihn auch für diagnostische Zwecke ein, etwa um die Nervenleitgeschwindigkeit bei Impotenzproblemen zu testen oder um Schleim in der Lunge abzulösen. Und auch seine Formenvielfalt ist nicht zu Ende erzählt: Gerade gibt es mit dem „Osé“ und der „Lioness“ zwei spannende Geräte, die einerseits Druckwellen und Vibration miteinander kombinieren bzw. andererseits wie ein Fitnesstracker mit Hightech-Sensorik Kontraktionen, Temperatur und Lagerung bei der Benutzung aufzeichnen können. Abgefahren!

Gerade letzteres finde ich für den Fortschritt der Wissenschaft bezogen auf weibliche Sexualität superspannend, da gibt es nämlich echt eine eher magere Datenlage. In einer App kann man sich dann ansehen, wie der Körper etwa auf Stress, Alkohol, Kiffen, Schlafmangel oder CBD-haltiges Gleitgel reagiert. Da geht es nicht um höher, schneller, weiter, sondern schlicht um das „Wie“ überhaupt. Sind meine Orgasmen von stärkeren Kontraktionen begleitet, wenn ich Drogen konsumiert habe? Und bedeutet das auch ein stärkeres Gefühl oder hängt das überhaupt gefühlsmäßig gar nicht zusammen?

„Auch Sex und Müll ist spannend, denn was macht Gleitgel mit unserem Grundwasser und wohin mit den Chemie-Gummipenissen, die sich eigentlich schon von selbst vor Weichmachern zersetzen und was machen sie erst mit uns?“

Da ist noch viel Luft nach oben und ich bin mega gespannt, was wir noch alles herausfinden werden dank neuer Vibratorentechnologien. Möge die Macht mit ihm sein!

Strammer Max, Juckfinger, Lustschnäbler: Welches ist Nadine Becks persönlicher Favorit namenstechnisch?

Nadine Beck: Boah, gemeine Frage! 😀 Der „Imperator“ ist immer noch ganz klar einer meiner Favoriten, die Werbung war an die damals populären „Star Wars Filme“ angelehnt. Dieselben Geräte hießen ja von Katalog zu Katalog bei Beate Uhse auch mal anders, um einen neuen Kaufanreiz zu schaffen. Der „Imperator“ hieß vorher „Vulcano“. „Schwarzer Bohrer“ ist auch so ein Name, mit dem man heute glaube ich keinen Blumentopf mehr gewinnen könnte!☺Und ein uralt-Vibrationsmassagegerät aus den 1930ern hieß „Penetrator“, das war ein 2- Kilo-Apparat für hart verspannte Fälle, der sah auch eher aus wie eine Bohrmaschine und macht mir ein bisschen Angst!☺ Da bin ich mir auch echt nicht sicher, ob der sexuell verwendet wurde, aber der Mensch ist ja erfinderisch, jedem Tierchen sein Pläsierchen, hat meine Großmutter immer gesagt.

Fast 50 Jahre liegen zwischen diesen beiden -toren, in denen sich ganz offensichtlich einiges getan hat in Sachen Optik und Haptik.

Dazu kommen noch als meine Favoriten solche, die als unsexuelle Multifunktionsgeräte damals in den 1970er und 1980er Jahren dienten. Die wurden auch gerne sexuell eingesetzt, waren aber offiziell für medizinische und kosmetische Einsatzgebiete gedacht. Da ist sind es die Massage-Kombi-Maschinen aus der UdSSR, die auch als Rasierapparat funktionierten und mit denen man auch Nägel feilen konnte. Da wird immer leicht unwohl, mir das im Intimbereich vorzustellen!☺

Ansonsten mag ich noch den „Massator uni“, mit dem man „unnötig fette Gesichtskonturen“ wegvibrieren konnte. Tauschte man den Aufsatz aus, konnte man damit aber Schwingschleifen oder die Motorhaube polieren. „Ein Freund für die ganze Familie!“, großartig.

Worauf dürfen wir uns denn als nächstes freuen; welche Pläne haben Sie?

Nadine Beck: Also, die Sache mit dem Sex im Alter ist noch nicht vom Tisch!☺ Auch Sex und Müll ist spannend, denn was macht Gleitgel mit unserem Grundwasser und wohin mit den Chemie-Gummipenissen, die sich eigentlich schon von selbst vor Weichmachern zersetzen und was machen sie erst mit uns?

Jetzt werden aber erst einmal einige meiner historischen Sex Toys in Deutschlands erstem Museum für Sexspielzeug in Hamburg gezeigt. „L´apotheque“ eröffnet im Januar seine coronakonformen Pforten in einer uralten, wunderschönen Apotheke. Dann läuft im Sommer ein Film, in dem einer meiner über 120 Jahre alten Vibratoren mitspielt, die waren ganz glücklich, eine originale Requisite bekommen zu haben.

Und je nach Corona kommt noch eine größere Ausstellung in Süddeutschland, die bereiten wir gerade vor. Zwischendurch auch noch die Doktorarbeit und vielleicht noch das eine oder andere Buch und frisch ersteigerte historische oder kuriose Gerät für meine Sammlung – also langweilig wird es bestimmt nicht!!

Womit kann man Sie noch beglücken, welche Geräte haben Sie noch nicht?

Nadine Beck: Echte Vibratoren aus den 1960er, 1970er und 1980er Jahren sind irrsinnig schwer zu kommen bekommen – wer da noch Massagestäbe hat, kann sich sehr gerne bei mir melden! Ich kaufe für meine Sammlung ständig Geräte an und freue mich über jedwedes historisches Sexspielzeug. Aber eben genau diese Sparte ist sehr stark tabuisiert, es scheint eine Hemmschwelle zu geben, gebrauchte Sexspielzeug auf ebay zu verkaufen. Man bekommt es eher noch aus den USA, das ist dann eben nicht so ganz so günstig.

Zum Geburtstag hat mir mein Mann ein anatomisch korrektes Modell einer Klitoris geschenkt, das fand ich fantastisch und hat mir gezeigt, dass es doch was anderes ist, mal so etwas in der Hand zu halten. Sehr viel größer als man es denkt, so viel kann ich sagen! Da werde ich bestimmt noch das eine oder andere Modell von Vulva und Uterus etc. zukaufen und „anbauen“.

Wir bedanken uns herzlich für dieses Gespräch – und freuen uns die kommenden!

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