„Unverkrampft, aber trotzdem nicht schmierig über Sex reden“


Gelesen, gelehrt & gemeckert, Interviews & Beratung / Donnerstag, 11. Oktober, 2018

Dr. Beatrice Wagner ist eine erfahrene Paar- und ­Sexualtherapeutin. Sie praktiziert in München und Icking und ist Lehrbeauftragte für Medizinische Psychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität sowie Buchautorin. Frau Wagner nimmt sich schönerweise die Zeit, hin und wieder unsere Fragen zu bestimmten Themen zu beantworten. In diesem Interview erzählt sie uns, was Paare in ihre Praxis treibt und warum etwas Unlust unserem Liebesleben nicht schadet.

Frau Dr. Wagner, Sie sind Autorin zahlreicher Fachbücher und Ratgeber sowie Paar-und Sexualtherapeutin. Werden Sie ausschließlich von Paaren konsultiert?

Beatrice Wagner: Die Menschen kommen zu mir sowohl einzeln als auch zu zweit. Manchmal kommen sie, weil sie selbst an sich ein Problem verspüren, manchmal machen sie das Problem am Partner fest.

Was sind die häufigsten Probleme, bei denen Paare Ihre Unterstützung benötigen?

Beatrice Wagner: Der absolut häufigste Grund ist Lustlosigkeit. Es heißt zum Beispiel, „wir verstehen uns gut, aber wir leben wie Bruder und Schwester“. Oder aber die Lust ist ungleich verteilt, einer hat mehr Lust und fühlt sich in der Rolle des Bittstellers, der andere Partner hat weniger Lust und fühlt sich bedrängt. Daneben werden oft auch Schmerzen beim Sex und schlimme vorausgegangene Erfahrungen in meiner Praxis thematisiert.

Existieren bestimmte Lustkiller, die beispielsweise nur in bestimmten Altersstufen oder je nach Beziehungslängen oder ähnlichem auftreten?

Beatrice Wagner: Lustlosigkeit hat viele Gründe. Ich habe junge Männer, die keine Lust auf ihre attraktive Partnerin haben, sie sind dann manchmal gehemmt, weil sie sich mit den Vorbildern aus Pornos vergleichen. Paare um die 30 entdecken, dass sich Beruf und Familie belastend auf das Liebesleben auswirkt. Andere Paare bedauern, dass der Reiz des Neuen vergeht. Doch wenn die Basis der Beziehung stimmt, lassen sich für die meisten sexuellen Probleme Lösungen finden.

Wie lösen wir das?

Beatrice Wagner: Etwa darin, nicht zu schweigen, sondern über seine verborgensten Wünsche zu sprechen. Denn in einer Partnerschaft steht hinter dem reinen sexuellen Akt auch der Wunsch, Nähe zu erleben. Das Nähebedürfnis ist lebenslang ein Lusttrigger. Nun geht es darum, dem phantasievoll Ausdruck zu verleihen. Dazu brauchen wir den Mut, auch in tabuisierte Bereiche hineinzugehen.

Haben Frauen und Männer unterschiedliche Probleme im Aus- und Erleben ihrer Sexualität?

Beatrice Wagner: Es wird immer wieder behauptet, dass Frauen weniger Lust hätten oder gehemmter seien als Männer. Ich kann das nicht bestätigen.

Wie sieht Ihre Hilfestellung denn aus, wie müssen wir uns einen Therapieverlauf in etwa vorstellen?

Beatrice Wagner: Die Therapie besteht in Gesprächen mit mir und in Übungen für die Paare zuhause. Oft geht es mir oft darum, dass meine Patienten zu ihrer eigenen sexuellen Identität finden.  Danach kann sie kaum mehr etwas erschüttern.

Gibt es nicht Hemmschwellen, vor Dritten über solche intimen Dinge zu reden (viele Paare schaffen es doch schon nicht, zu zweit über ihre Wünsche oder Probleme im Bett zu sprechen)?

Beatrice Wagner: Zu Dritt ist es leichter, weil ich es bin, welche die unliebsamen Themen anspricht. Zu zweit traut man sich das oft nicht, weil dann meist die unliebsame Frage kommt, „warum hast du das nicht eher gesagt?“, oder auch, „hast du jemand anders?“.

Haben Sie „Patentrezepte“, die eigentlich jedem Paar zu einem erfüllten Sexualleben verhelfen können?

Beatrice Wagner: Unterdrücken Sie Ihre Wünsche nicht. Immer, wenn Sie ein Unbehagen verspüren, dann ist es Zeit, darüber zu sprechen.

Wie beurteilen Sie den Einsatz von Sexspielzeug und Co im heimischen Schlafzimmer?

Beatrice Wagner: Der Dildo oder der Vibrator ist ein gutes Mittel, um eine Frau zum Orgasmus zu führen, und den Mann zu entlasten. Man sollte den künstlichen Gefährten einfach mit einbeziehen und damit die eigenen Möglichkeiten erweitern. Auch Dessous können die Phantasie beflügeln, ich bin absolut dafür. Doch bitte spielen Sie keine Pornos nach, sondern bleiben Sie echt und authentisch!

Ihr Buch „Kein guter Sex ohne Unlust“ beschäftigt sich mit der sexuellen Unlust, die bei fast allen Paaren nach mehreren Beziehungsjahren auftritt. Dennoch lassen Sie den Satz „Der Lack ist ab“ nicht gelten. Warum nicht ?

Beatrice Wagner: Guter Sex setzt voraus, dass man sich lebenslang weiter entwickelt und nie auf einer Stufe stehen bleibt. Und so entdeckt man sich selbst und den anderen immer wieder neu. Auf diese Weise wird das Sexualleben immer spannender und bunter, je besser man den anderen kennt und mehr man selbst die Hemmungen fallen lassen kann. Oft braucht es aber die Unlust – ein anderes Wort für sexuelle Krise – um sich zu besinnen, dass der bisherige Weg nicht weitergeht.

Mit DEM Aufklärer unserer Zeit schlechthin, mit Oswalt Kolle, verband Sie eine lange Freundschaft. Sie haben sogar gemeinsam ein Buch geschrieben. Was haben Sie von Ihrem Mentor gelernt bzw. in welchen Punkten hat er Sie geprägt?

Beatrice Wagner: Oswalt hat immer alles auf den Punkt gebracht. Von ihm habe ich gelernt, wie man unverkrampft aber trotzdem nicht schmierig über Sex redet. Und was mir an ihm persönlich am meisten gefallen hat, war sein Humor. Wenn wir zusammen essen war, verstummten alle Nachbartische. Sie fanden unsere Unterhaltungen amüsanter und interessanter als ihre eigenen. Und ich hätte auch mit niemandem tauschen wollen.

Mehr auch auf www.beatrice-wagner.de

Foto © Nele Martensen

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