Prüde oder pervers?


Allgemein, Interviews & Beratung / Mittwoch, 17. Oktober, 2018

Nie war unser Liebesleben freier und entfesselter als als heute. Doch ist das eigentlich gut so? Brauchen wir nicht gerade deshalb den moralischen Zeigefinger als Wegweiser durch das freizügige Dickicht der sexuellen Möglichkeiten?

Diese Frage zu beantworten, ist schwierig bis unmöglich, denn der Knackpunkt ist doch:  Moral ist Definitionssache und die wiederum ist abhängig von vielen äußeren Umständen und Faktoren. Sexuelle Moralvorstellungen haben sich im Laufe der ­Geschichte extrem verändert: So galt „Sex zum puren ­Vergnügen“ im 17. Jahrhundert noch als Sünde. Ehebruch, Prostitution, Unzucht (was immer damit auch gemeint war) wurden hart, teilweise mit dem Tode, bestraft. Das verdankten wir nicht zuletzt der Kirche und ihrem strengen Moral­kodex, der Gläubige teilweise heute noch ­begleitet. In den spießigen 1950er Jahren ­wurden Abtreibungen streng bestraft, ein Grund dafür, dass viele junge Paare sogenannte ­„Muss-Ehen“ eingingen. Denn – auch das macht die Geschichte deutlich – die Menschen trieben trotzdem Sex zum Vergnügen, Sex, ohne ­ver­heiratet zu sein, Unzucht jeglicher Coleur,  und ließen sich von den drakonischen Strafen nicht abschrecken.

Sind wir also von Haus aus eine ­unmoralische Spezie? Natürlich nicht! Denn Moral liegt halt auch im Auge des Betrachters: Mit der Einführung der Pille und dem ­Paragraphen 218, wurde eine sexuelle Revolution – vor allem für Frauen – ausgelöst und das allgemeine Moraldenken auf eine neue Ebene gehievt. Eine Beate Uhse, ein Oswald Kolle und andere Vertreter halfen mit, die Moralvorstellungen unserer Gesellschaft zu ändern. Das Ergebnis: Wir dürfen Sex haben, um uns uns fortzupflanzen UND Spaß daran zu haben bzw. auch, wenn´s sein muss, um NUR Spaß daran zu haben, ohne von der Gesellschaft geächtet zu werden oder gar bestraft zu werden. So weit, so gut. Wozu brauchen wir dann noch Moral, Ethik, Tabus und all die ­abstrakten Lehren und Theorien?

Um das zu ­beantworten, lassen wir uns von Dr. Beatrice Wagner inspirieren, die sagt:

Dr. Beatrice Wagner ist eine erfahrene Paar- und ­Sexualtherapeutin. Sie praktiziert in München und ist Lehrbeauftragte für Medizinische Psychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität sowie Buchautorin. Frau Wagner nimmt sich schönerweise die Zeit, hin und wieder unsere Fragen zu bestimmten Themen zu beantworten.

Frau Dr. Wagner, wir beschäftigen uns gerade mit dem Thema „Moral“. Wie definieren Sie „Moral“?
Beatrice Wagner: Unter Moral verstehe ich die Gesamtheit der Werte, die die meisten Menschen eines Kulturkreises teilen. Sie sind die verinnerlichten Gesetze des guten Zusammenlebens. Etwa dass man Rücksicht nimmt, keinen umbringt und keinen Shitstorm auf Facebook lostritt.

Was hat denn Moral mit Sex zu tun bzw. hat es überhaupt etwas mit unserem Geschlechtsleben zu tun?
Beatrice Wagner: Es gibt auch eine Sexualmoral. Im Prinzip ist das ok, wenn dadurch etwa Gewalt und Missbrauch verhindert wird. Das Problem ist die sexuelle Doppelmoral, wenn jemand etwas nach außen kritisiert, es aber für sich selbst in Anspruch nimmt. Dagegen hatte schon in den 1960er Jahren Oswalt Kolle rebelliert mit seinem Slogan: „We need a new moral code!“

Brauchen wir denn überhaupt eine „moralische“ Instanz für unser Sex- und Liebesleben? 
Beatrice Wagner: Was ist eine moralische Instanz? Soll sie die Regeln vorgeben? Das finde ich zweifelhaft. Immer wenn jemand den moralischen Zeigefinger erhebt und sagt, „das man macht das nicht“, sollten Sie sich trauen, eine eigene Meinung zu finden. Ich denke an das Paar, von dem der Mann gerne von seiner Frau dominiert werden wird, diese aber SM, sowie Lack und Leder ablehnt. In vielen Gesprächen haben die beiden dann so viel Vertrauen zueinander entwickelt, dass die Frau jetzt versteht, warum er dominiert werden möchte. Nun entwickeln sie Spielregeln, um damit umzugehen. Das finde ich gut.

Wer bestimmt denn eigentlich, was unmoralisch oder moralisch ist?
Beatrice Wagner: Bislang war es die Kirche, die uns von früh auf erzogen hat. Doch mit ihren überkommenen und nicht hinterfragten Moralvorstellungen wird sie nicht mehr ernst genommen. Im Katechismus wird allen Ernstes immer noch die Selbstbefriedigung untersagt. Die Moral bildet sich aus dem, was für eine Gesellschaft gut ist. Das beginnt mit 3 oder 4 Jahren, setzt sich im Kindergarten und in der Grundschule fort und endet mit der Pubertät. Die Werte, die wir uns hier einverleiben, können wir zeitlebens ganz schwer wieder loswerden.

Gibt es Unterschiede in männlichem und weiblichen Moralempfinden?
Beatrice Wagner: Na klar. Mädchen haben eher Angst, als „Schlampe“ zu gelten und lernen, vieles heimlich zu machen. Ein Junge hingegen ist stolz, wenn er schon früh Erfahrungen mit Mädchen sammeln kann.

Moral oder Ethik wird oft in Zusammenhang mit „normalem“ Verhalten gebracht. Wie erfahren Sie das in Ihrer beruflichen Praxis?
Beatrice Wagner: Wenn jemand mit einem ungewöhnlichen sexuellen Verhalten konfrontiert wird, kann das beängstigend sein, und daraus kann Ablehnung erfolgen. Ich finde es deswegen immer wichtig, die Motivation zu erfragen. Im obigen Beispiel meinte der Mann, er müsse immer für seine Mitarbeiter bestimmen und mitdenken, im Sex würde er gerne die Verantwortung abgeben.

Kann „zuviel Moral“ oder „zuwenig Moral“ unser sexuelles Agieren / Handeln positiv oder negativ beeinflussen?
Beatrice Wagner: Ich bin gegen zu starre Regeln. Ein moralisches Gesetz zu durchbrechen, würde ich als Tabubruch bezeichnen. Und das kann auch aufregend und spannend sein.

Schlagworte Fremdgehen, käufliche Liebe, Schamlosigkeit: Ist es schon unmoralisch, Phantasien darüber zu haben oder nur, sie in die Tat umzusetzen?
Beatrice Wagner: Das ist eine Grauzone. Ich persönlich halte das geistige Fremdgehen für  unmoralisch. Ich selbst hatte mich mal von meinem langjährigen Freund getrennt, als ich beim Sex plötzlich einen anderen Mann vor Augen sah, in den ich verliebt war. Darüber war ich so erschrocken, dass ich mich von dem anderen trennen musste. Schamlosigkeit und käufliche Liebe hingegen könnte man sich ja auch gemeinsam ausmalen. Der tatsächliche oder vorgestellte Tabubruch kann die Partnerschaft wieder beleben.

Moralische Regeln haben sich speziell im Sexualleben im Laufe der Zeit massiv geändert. Wie beurteilen Sie diese Änderungen, sind sie gut oder sind sie schlecht?
Beatrice Wagner: Sehr gut. Selberdenken, sich selbst eine Meinung bilden, Vorurteile und Vorstellungen hinterfragen – das macht unser Menschsein aus. Wenn ich Ihnen hier ein Buch empfehlen darf? Habe gerade zusammen mit Ernst Pöppel gerade das Buch geschrieben: „Traut euch zu denken“: Da geht es unter anderem darum, dass wir zwar Freiheit aber auch Regeln brauchen. Wir brauchen das Aufregende und Spannende, aber auch das Vertraute und die Routine. Wir brauchen Intuition aber auch die Logik. In diesem Spannungsfeld darf sich auch die Moral ändern.

Wo hört Ihrer Meinung nach moralisches Denken und Handeln auf?
Beatrice Wagner: Wenn es herablassend und besserwisserisch wird. Ein Freund meiner Mutter hatte mir in meiner Jugend immer die Leviten gelesen. Er hatte aber nicht argumentiert, sondern den Zeigefinger gehoben und wollte einzuschüchtern. Das ist dann selbstgerecht und böse.

Mehr auch auf www.beatrice-wagner.de

Foto © Nele Martensen

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